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Biologie & Anatomie · Themenblock 2

Bandscheibenvorfall im MRT –
und trotzdem keine Schmerzen?

Was Bildgebungsbefunde wirklich bedeuten – und warum ein „Befund" oft mehr Verunsicherung schafft als er löst.

Du kennst vielleicht das Szenario: Rückenschmerzen seit ein paar Wochen, der Arzt schickt dich ins MRT, und kurz darauf liegt ein Befund auf dem Tisch. „Bandscheibenvorfall L4/L5, Degeneration L5/S1, leichte Stenose." Was folgt, ist in vielen Fällen Verunsicherung – manchmal sogar Angst. Denn der Gedanke liegt nahe: Wenn da etwas zu sehen ist, muss das die Ursache sein.

Dieser Gedanke ist menschlich verständlich. Aber er ist, wie die Forschung zeigt, in den meisten Fällen falsch.

Die Studie, die alles veränderte

Im Jahr 1994 veröffentlichten Maureen Jensen und Kollegen im New England Journal of Medicine eine Studie, die das klinische Denken über Rückenschmerzen grundlegend beeinflusst hat. Die Frage war simpel: Wie sehen die Wirbelsäulen von Menschen ohne jegliche Rückenschmerzen im MRT aus?

Die Antwort war ernüchternd – und gleichzeitig befreiend.

52 %
der Menschen ohne Rückenschmerzen hatten im MRT mindestens
einen Bandscheibenvorfall – ohne es zu wissen.
Jensen et al., 1994 · N Engl J Med

In der Studie wurden 98 beschwerdefreie Erwachsene im MRT untersucht. Keiner hatte zum Zeitpunkt der Untersuchung Rückenschmerzen. Das Ergebnis: Nur ein Bruchteil hatte eine wirklich „unauffällige" Wirbelsäule. Die Mehrheit zeigte Veränderungen, die im klinischen Alltag regelmäßig als Diagnose gestellt werden – ohne dass diese Personen irgendwelche Beschwerden verspürten (Jensen et al., 1994).

Diese Befunde wurden in einer großen systematischen Übersichtsarbeit von Brinjikji und Kollegen (2015) bestätigt und altersaufgelöst beziffert: Bei beschwerdefreien 20-Jährigen finden sich in 37 % Bandscheibendegenerationen und in 30 % asymptomatische Bandscheibenvorwölbungen. Bei 80-Jährigen steigt der Anteil degenerativer Veränderungen auf 96 %. Strukturelle MRT-Befunde sind also kein Schaden, der erklärt werden muss – sie sind ein normaler Bestandteil des Alterns, vergleichbar mit grauen Haaren (Brinjikji et al., 2015).

Strukturveränderung ≠ Schmerz

Das Vorhandensein einer Veränderung im Bild sagt nichts darüber aus, ob diese Veränderung Beschwerden verursacht. Bildgebung zeigt Anatomie – nicht Schmerz.

Wie viele Menschen ohne Schmerzen teilen deinen Befund?

Das folgende Tool zeigt dir, wie häufig typische MRT-Befunde bei Menschen ohne jegliche Rückenschmerzen vorkommen – und wie dieser Anteil mit dem Alter steigt. Die Daten basieren auf der Zusammenführung mehrerer großer bildgebender Studien an asymptomatischen Erwachsenen.

MRT-Befunde bei Menschen ohne Rückenschmerzen
Wähle einen Befund und stelle das Alter ein. Jede Person-Figur steht für eine von 100 beschwerdefreien Erwachsenen.
Alter: 45
0 %
Jede Figur = 2 von 100 Personen

Diese Zahlen bedeuten nicht, dass MRT-Befunde irrelevant sind. Sie bedeuten, dass ein Befund allein keine Diagnose ist. Ein erfahrener Kliniker bezieht Bildgebung immer in einen Gesamtkontext ein – zusammen mit Anamnese, körperlicher Untersuchung und dem individuellen Schmerzbild (Nicol et al., 2023).

Was verändert sich mit dem Alter?

Die Wirbelsäule altert – genau wie jeder andere Teil des Körpers. Bandscheiben verlieren Wasser, werden flacher, können vorfallen. Wirbelkörper bauen Knochenmasse ab. Das ist biologisch normal und bei den meisten Menschen vollkommen beschwerdefrei. Nicol et al. beschreiben es treffend: Viele der radiologischen Veränderungen, die im MRT sichtbar sind, entsprechen dem natürlichen Alterungsprozess – nicht einer Erkrankung (Nicol et al., 2023).

Das bedeutet: Mit zunehmendem Alter wird ein „unauffälliges" MRT statistisch seltener – nicht weil die Wirbelsäule kränker wird, sondern weil sie älter wird.

Was wirklich zu Schmerzen beiträgt

Wenn Strukturveränderungen allein den Schmerz nicht erklären, was dann? Die aktuelle Forschung zeigt, dass biologische Faktoren jenseits reiner Anatomie eine entscheidende Rolle spielen (Farley et al., 2024; Nicol et al., 2023):

😴

Schlaf

Mehr als 50 % der Menschen mit chronischen Rückenschmerzen leiden an Schlafstörungen. Schlechter Schlaf erhöht die Schmerzempfindlichkeit messbar (Farley et al., 2024).

🏃

Körperliche Aktivität

Regelmäßige Bewegung ist der stärkste modifizierbare Schutzfaktor gegen Rückenschmerzen – unabhängig von der Bildgebung (Steffens et al., 2016).

🔋

Belastung & Erholung

Ungewohnte Belastungen, fehlende Regeneration und anhaltende Ermüdung erhöhen das Schmerzrisiko deutlich – ohne sichtbare Strukturveränderung.

🚬

Lebensstil-Faktoren

Rauchen, Adipositas und Diabetes mellitus sind multifaktoriell mit Rückenschmerzen assoziiert – über vaskuläre und metabolische Mechanismen (Nicol et al., 2023).

Das Denken neu justieren

Ein MRT-Befund kann wichtig sein – vor allem um ernste Erkrankungen auszuschließen, wie wir in Kurseinheit 2 mit den Red Flags besprochen haben. Was er nicht kann: den Schmerz einer Person erklären, wenn die Befunde dem Normalbild für das jeweilige Alter entsprechen.

Altes Denken

„Im MRT wurde ein Bandscheibenvorfall gefunden – das ist die Ursache meiner Schmerzen. Ich muss meine Wirbelsäule schonen."

Evidenzbasiert

„Viele Menschen haben dieselben Befunde ohne Schmerzen. Mein Schmerz ist real – aber seine Ursache ist komplex und nicht allein im Bild sichtbar."

Dieser Perspektivwechsel ist keine Verharmlosung. Er ist die Grundlage für einen wirksamen Umgang mit Rückenschmerzen: weg von Schonung und Angst, hin zu Verstehen und Handeln. Denn Schmerzen, die nicht durch Strukturveränderungen erklärt werden, sind nicht durch Schonung zu lösen (Nicol et al., 2023).

Quellen

  1. Jensen, M. C., Brant-Zawadzki, M. N., Obuchowski, N., Modic, M. T., Malkasian, D., & Ross, J. S. (1994). Magnetic resonance imaging of the lumbar spine in people without back pain. New England Journal of Medicine, 331(2), 69–73. doi:10.1056/NEJM199407143310201
  2. Brinjikji, W., Luetmer, P. H., Comstock, B., Bresnahan, B. W., Chen, L. E., Deyo, R. A., Halabi, S., Turner, J. A., Avins, A. L., James, K., Wald, J. T., Kallmes, D. F., & Jarvik, J. G. (2015). Systematic literature review of imaging features of spinal degeneration in asymptomatic populations. American Journal of Neuroradiology, 36(4), 811–816. doi:10.3174/ajnr.A4173
  3. Nicol, V., Verdaguer, C., Daste, C., Bisseriex, H., Lapeyre, É., Lefèvre-Colau, M.-M., Rannou, F., Rören, A., Facione, J., & Nguyen, C. (2023). Chronic Low Back Pain: A Narrative Review of Recent International Guidelines for Diagnosis and Conservative Treatment. Journal of Clinical Medicine, 12(4), 1685. doi:10.3390/jcm12041685
  4. Farley, T., Stokke, J., Goyal, K., & DeMicco, R. (2024). Chronic Low Back Pain: History, Symptoms, Pain Mechanisms, and Treatment. Life, 14(7), 812. doi:10.3390/life14070812
  5. Steffens, D., Maher, C. G., Pereira, L. S. M., Stevens, M. L., Oliveira, V. C., Chapple, M., Teixeira-Salmela, L. F., & Hancock, M. J. (2016). Prevention of Low Back Pain: A Systematic Review and Meta-analysis. JAMA Internal Medicine, 176(2), 199–208. doi:10.1001/jamainternmed.2015.7431
  6. Balza, R., & Palmer, W. E. (2023). Symptom-imaging correlation in lumbar spine pain. Skeletal Radiology, 52(10), 1901–1909. doi:10.1007/s00256-023-04305-8