„Mein Rücken tut weh, weil ich so viel am Schreibtisch sitze.“ Dieser Satz stimmt halb – und ist gleichzeitig zu einfach. Denn wäre Sitzen allein die Ursache, hätten alle, die viel sitzen, Rückenschmerzen. Haben sie aber nicht. Und wer aufhört zu sitzen, wird seinen Schmerz nicht automatisch los.

Schmerz – besonders unspezifischer Rückenschmerz – entsteht nie aus einer einzigen Ursache. Die moderne Schmerzwissenschaft beschreibt das mit dem Biopsychosozialen Modell: einem Denkrahmen, der drei Dimensionen zusammendenkt, statt nach dem einen Schuldigen zu suchen (O’Sullivan, 2012).

Drei Dimensionen – ein Erlebnis

Klicke auf jede Säule, um zu sehen, welche Faktoren dort eine Rolle spielen – und was du selbst verändern kannst.

Biologische Einflussfaktoren
− Belastend
Ungewohnte oder einseitige Belastung
Fehlende Regeneration & Schlafmangel
Allgemeiner Bewegungsmangel
Rauchen, Übergewicht, Diabetes
Muskelermüdung & fehlende Belastbarkeit
+ Schützend
Regelmäßige Bewegung & Krafttraining
Guter, erholsamer Schlaf
Allgemeine körperliche Fitness
Gesunde Ernährung & Normalgewicht
Belastungsvariabilität im Alltag
Psychologische Einflussfaktoren
− Belastend
Katastrophisierung („Es wird nie besser“)
Angst vor Bewegung & Schonverhalten
Depression oder Angststörungen
Geringe Selbstwirksamkeit
Chronischer Stress & Grübeln
+ Schützend
Vertrauen in die eigene Belastbarkeit
Wissen: Schmerz ≠ Schaden
Positive Grundhaltung & Optimismus
Aktive Stressbewältigung
Akzeptanz von Schmerz ohne Panik
Soziale Einflussfaktoren
− Belastend
Geringe Arbeitszufriedenheit
Schwere körperliche Arbeit ohne Variation
Finanzielle Belastung & Unsicherheit
Soziale Isolation & fehlendes Netzwerk
Wenig Unterstützung durch das Umfeld
+ Schützend
Bedeutungsvolle Arbeit & Autonomie
Unterstützendes soziales Netzwerk
Finanzielle Stabilität
Gemeinschaft & soziale Teilhabe
Bewegungsfreundliche Arbeitsbedingungen

Die drei Dimensionen wirken nicht isoliert – sie überlappen, verstärken und dämpfen sich gegenseitig. Schmerz entsteht im Schnittfeld – und Linderung auch (Farley et al., 2024).

Viele Ursachen bedeuten viele Hebel

Das Biopsychosoziale Modell klingt zunächst nach Komplexität. Aber sein eigentlicher Wert liegt woanders: Es zeigt, dass es auf jeder Ebene sowohl belastende als auch schützende Faktoren gibt. Du musst nicht alle negativen Faktoren beseitigen. Du kannst einfach anfangen, an den positiven zu arbeiten – und das verschiebt das Gleichgewicht (Antonovsky, 1997).

Wer nur nach dem einen Auslöser sucht, wird frustriert. Wer das Zusammenspiel versteht, erkennt: Ich habe mehr Möglichkeiten als ich dachte. Das ist der Kern der Salutogenese – und der Kern dieses Kurses.

Viele Ursachen, viele Hebel

Wer Rückenschmerzen nur als körperliches Problem behandelt, löst bestenfalls einen Teil. Wer alle drei Dimensionen in den Blick nimmt, hat deutlich mehr Angriffspunkte – und damit deutlich mehr Kontrolle über die eigene Gesundheit.

Quellen

  1. Antonovsky, A. (1997). Salutogenese: Zur Entmystifizierung der Gesundheit. DGVT-Verlag. (Originalwerk 1987)
  2. Farley, T. et al. (2024). Chronic Low Back Pain: History, Symptoms, Pain Mechanisms, and Treatment. Life, 14(7), 812.
  3. O’Sullivan, P. (2012). It’s time for change with the management of non-specific chronic low back pain. British Journal of Sports Medicine, 46(4), 224–227.
  4. Hartvigsen, J., Hancock, M. J., Kongsted, A., Louw, Q., Ferreira, M. L., Genevay, S., Hoy, D., Karppinen, J., Pransky, G., Sieper, J., Smeets, R. J., Underwood, M., & Lancet Low Back Pain Series Working Group. (2018). What low back pain is and why we need to pay attention. The Lancet, 391(10137), 2356–2367. doi:10.1016/S0140-6736(18)30480-X
  5. O’Sullivan, P. B., Caneiro, J., O’Keeffe, M., Smith, A., Dankaerts, W., Fersum, K., & O’Sullivan, K. (2018). Cognitive functional therapy: An integrated behavioral approach for the targeted management of disabling low back pain. Physical Therapy, 98(5), 408–423. doi:10.1093/ptj/pzy022